Mieterbewegung

aus Potsdam-Chronik, der freien Wissensdatenbank
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Geboren wurde die Mieterbewegung in Potsdam im November 1919, mit der Gründung des Mieterverein Potsdam und Umgebung. Ihm gehörten Mieterschützer aus Potsdam sowie aus dem damals noch selbständigen Nowawes an. Der Mieterverein Potsdam und Umgebung bestand und arbeitete bis 1953. Anfang 1921 trennten sich die Nowaweser Mieterschützer vom Mieterverein Potsdam und Umgebung und bildeten unter Führung von Max Schröder einen eigenen Ortsverein, den Mieterverein Nowawes. Wie lange dieser Verein bestand ist bislang nicht bekannt. 1923 hoben Angehörige der großbürgerlichen Schichten Potsdams unter der Führung von Rechtsanwälten den so genannten „Neuer Mieterverein Potsdam“ aus der Taufe. Dieser war als Gegenorganisation zu den ersten beiden Mietervereinen gedacht, die ihre Basis mehr unter Arbeitern, Handwerkern und kleinen Gewerbetreibenden hatten. Er bestand bis 1933.
Über die Tätigkeit des Mietervereins Potsdam und Umgebung sowie des Mieterverein Nowawes in den Jahren 1933 bis 1945 konnten bislang nur wenige Akten und Pressebeiträge ausfindig gemacht werden. Eine solide Aufarbeitung der Geschichte beider Vereine steht noch aus. Tatsache ist aber, dass sich die Mieterbewegung Deutschlands, zumindest die Führungsebene, verhältnismäßig schnell dem nationalsozialistischen Regime andiente. Die Entfernung jüdischer Mitglieder aus Leitungsfunktionen und bezahlten Stellen ist offensichtlich ebenfalls erfolgt. Für Potsdam gibt es diesbezüglich keine detailierten Informationen.
Die Mieterbewegung in Potsdam nahm erst 1990 einen Neuanfang. Am 22. März 1990 erfolgte im Potsdamer Wohngebiet Waldstadt II die Gründung des Vereins Brandenburgischer Mieterschutzbund e.V. Der Ortsverein Potsdam-Babelsberg im Brandenburgischer Mieterschutzbund e.V. (BMB) wandelte sich am 28. April 1990 in einen eigenständigen Verein um und nahm den Namen Babelsberger Mieterverein e.V. an. Am 9. Mai 1990 wurde in der Brandenburger Vorstadt der Mieterschutzbund Sanssouci-Süd e.V. ins Leben gerufen. Er ging aus der bereits am 13. Februar 1990 entstandenen Bürgerinitiative Sanssouci-Süd hervor. Aus dem Zusammenschluss des Brandenburgischer Mieterschutzbund e.V. und Mieterschutzbund Sanssouci-Süd e.V. entstand am 30. Mai 1991 der Mieterverein Potsdam und Umgebung. Der Babelsberger Mieterverein, seit dem 1. Oktober 1990 Mitglied im Mieterbund Land Brandenburg, blieb eigenständig.

Unterschiedliche Auffassungen zur Gründung von Mieterorganisationen und zur Arbeit in ihnen

Bereits in der Anfangsphase der Neukonstituierung der Mieterbewegung in Potsdam wurden unterschiedliche Auffassungen über die Bildung von Mieterorganisationen sichtbar.
Die Gründungsmitglieder des Brandenburgischer Mieterschutzbund e.V. (BMB), obwohl nur auf das Wohngebiet Waldstadt II beschränkt, sahen sich für das gesamte Land Brandenburg als zuständig an und waren der Auffassung, dass sich die im Land entstehenden Mieterorganisationen ihrem Verein anschließen sollten. Die Basisarbeit, d. h. den Aufbau einer starken Mieterorganisation in Potsdam durch die Gewinnnung von Mitgliedern sahen sie als zweitrangig an. Mit der vom Vorstand verfolgten Linie war der BMB-Ortsverein Babelsberg nicht einverstanden, weshalb er den BMB verließ und sich als selbständiger Verein unter dem Namen Babelsberger Mieterverein e.V. neu konstituierte. Den Schwerpunkt seiner Tätigkeit legte er auf die Arbeit an der Basis und auf die Gewinnung von Mitgliedern in Babelsberg und in den daran angrenzenden Wohngebieten.
Die Mitglieder der in zehn Arbeitsgruppen gegliederten Bürgerinitiative Sanssouci-Süd lehnten den vom BMB erklärten Alleinvertretungsanspruch für die Mieterbewegung im Land Brandenburg ab. Sie konzentrierten sich von Anfang an auf die Basisarbeit und auf die Gewinnung von Mitgliedern in einem genau definierten Territorium - in den Wohngebieten südlich der Parkanlagen von Sanssouci. Einsatz für die Interessen der Mieterschaft, Ehrlichkeit, Transparenz und Unabhängigkeit von jeglicher Partei - das waren die in der Bürgerinitiative sowie im daraus hervorgegangenen Mieterschutzbund Sanssouci-Süd vertretenen Grundpositionen. Mitglied konnte werden, wer sich zuallererst als Bürger verstand und sich in diesem Sinn auch engagieren wollte. Und erst in zweiter Instanz sich als Mitglied irgendeiner Partei, Organisation oder irgendeines Vereins definierte.
Diese Auffassung war ein Resultat der in den Jahren vor 1989 gesammelten Erfahrungen. Viele Mitglieder der SED waren nur dann bereit, sich im bürgerschaftlichen Sinn zu engagieren, wenn sie dazu von ihrer Partei aufgefordert wurden (z.B. Subbotnik). Sie verstanden sich zuallererst als Mitglieder der führenden Partei, und kaum als normale Bürger mit den sich daraus für sie ergebenden Verantwortlichkeiten. Diese bewusst oder unbewusst von der Mehrzahl der SED-Mitglieder und von Teilen der Mitglieder der so genannten Blockparteien eingenommene Haltung war indirekt mit dafür verantwortlich, dass die historische Bausubstanz in Potsdam so dramatisch verfiel. Wer sich für den Erhalt der Gebäude aus dem 18. und 19. Jahrhundert einsetzte, wurde sehr schnell als Spinner abqualifiziert oder landete, je nachdem wer darüber befand, auf einer Liste von Gegnern der DDR und des Sozialismus.
Das konsequent basisdemokratische Denken verschaffte der Bürgerinitiative und dem Mieterschutzbund einen großen Zulauf an Mitgliedern und Anerkennung. Die Mieterinnen und Mieter der Brandenburger Vorstand und aus Potsdam-West sind auch heute noch ein wichtiger Teil der Mitgliedschaft des Mietervereins Potsdam und Umgebung. Sie stellen ungefähr ein Viertel der Mitglieder des Vereins.
Die in der Anfangsphase der Entstehung der Potsdamer Mieterbewegung zutage getretenen unterschiedlichen Auffassungen über die Arbeit mit den Mieterinnen und Mietern in Potsdam sowie über die Arbeit mit den Mitgliedern des Vereins bestanden im Führungsgremium des Mieterverein Potsdam und Umgebung e.V. über eine sehr lange Zeit. Sie trugen dazu bei, dass die Mitglieder des Vereins kaum noch in die Vorbereitung und den Vollzug von Entscheidungen einbezogen wurden bzw. sich von einer aktiven Beteiligung an der Vereinsarbeit zurück zogen. Versuche, an dieser Situation etwas zu ändern, wurden von einzelnen, aber die Kontrolle über den Verein ausübenden, Führungspersonen behindert oder vollständig abgelehnt. Eine Veränderung dieser Situation konnte erst im Jahr 2011 erreicht werden. Aktuell befindet sich der MVP nach einer längeren Phase des Umbaus und der Modernisierung im Zustand der Konsolidierung. Die Einbeziehung der Mitglieder in die Vereinsarbeit war bislang jedoch nicht erfolgreich. Der Vorstand des MVP will jedoch bis zur Mitgliederversammlung im Mai 2014 auch in dieser Hinsicht Fortschritte vermelden.
Der Babelsberger Mieterverein e.V. hält an der mit seiner Gründung eingeleiteten Basisarbeit bis heute fest. Die Führung des Vereins sucht immer wieder nach Möglichkeiten, diese zu stärken. Und ist damit erfolgreich. Ihre Mitgliederzahl nimmt stetig zu.